Obstgarten, Bienenweide, Futterwiese

Keiner hat den Wert alter Streuobstbestände treffender beschrieben als der Lehrer und Hobby-Pomologe (Apfelforscher) Edwin Balling, der 2013 im unterfränkischen Margetshöchheim starb. Im Nachwort seines Büchleins „Die Kulturgeschichte des Obstbaus“ heißt es: „Die Streuobstbäume sind Obstgarten, Bienenweide, Futterwiese, Vogelwelt. Reichtum von natürlichen Lebensgemeinschaften, Reservoir und Rückzugsgebiet. Es sind individuell geprägte, auffallende Persönlichkeiten.“ Nicht zuletzt findet sich auf Streuobstwiesen eine Vielzahl von seltenen Obstsorten, die besonders gut an die jeweiligen Klima- und Standortverhältnisse angepasst sind – ein enormes Genpotenzial und ein Bestandteil der Kulturgeschichte.


Trotzdem sind in den vergangenen Jahrzehnten unendlich viele dieser so wertvollen Streuobstbestände aus der Landschaft verschwunden. Andere sind in einem
bemitleidenswert schlechten Zustand, mangelhaft gepflegt, vor allem die in steilen Hanglagen. Nun soll sich das ändern. Die Regierungen der Länder Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern möchten sich „zukünftig noch intensiver um die Streuobstwiesen bemühen“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Erstmals veranstalten die vier Länder gemeinsame Streuobsttage vom 25. April bis 10. Mai. Unter der neu geschaffenen Homepage www.streuobsttage.de können Streuobstakteure ihre Veranstaltungen, Produkte, Ideen und Konzepte der Öffentlichkeit bekanntmachen. Und Verbraucher können regional nach Produkten, Events, Märkten, Festen oder Fachinformationen suchen.

In Oberfranken sind Streuobstwiesen weit verbreitet. Das Bamberger Becken und die Fränkische Schweiz sind bekannt für reichhaltigen Streuobstbestand. Der Landschaftspflegeverband Weidenberg und Umgebung mit seiner Initiative Apfel-Grips registriert steigendes Interesse von Privatleuten am Obst und an den Wiesen, sagt Verbandsmitarbeiterin Christine Schamel. Früher hätten sich Bauern gerne mal von solchen Wiesen getrennt, weil die Pflege zu aufwendig gewesen sei und weil viel Wissen um Baumschnitt und Besonderheiten dieser Obstart verloren gegangen sei. „Mit einem Boskop-Apfel, der im September noch grässlich sauer schmeckt, kann man im März einen wunderbaren Kuchen backen“, sagt Schamel. 95 Grundstückseigentümer in Weidenberg, Seybothenreuth, Kirchenpingarten, Emtmannsberg, Creußen, Goldkronach und Speichersdorf liefern ihr Obst an die Initiative. Der Ertrag kann sehr unterschiedlich ausfallen. „Im vergangenen Jahr waren es nur drei Tonnen, 2012 dagegen 40 Tonnen“, sagt Schamel. Die Äpfel werden verarbeitet zu Saft, der zum Beispiel in Edeka-Schneider-Märkten, in Weidenberger Getränkemärkten oder direkt beim Apfel-Grips-Büro am Gurtstein in Weidenberg für rund 1,50 Euro pro Liter gekauft werden kann (www.apfel-grips.info).

Streuobstwiesen könnten nicht nur vielfältig genutzt werden, sie böten auch vielen Arten wie Fledermäusen, Insekten und Igeln Lebensraum und seien deshalb ökologisch wertvoll, schreibt der Landschaftspflegeverband. Die Bäume schützen vor Wind, die Wurzeln verhindern eine Abtragung des Bodens, und wegen des Verzichts auf Chemikalieneinsatz leisten sie einen Beitrag zum Grundwasserschutz.

Martin Degenbeck von der Landesanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim hat die Vergangenheit unter die Lupe genommen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Obstanbau für die Versorgung der Bevölkerung unverzichtbar und wurde sorgsam gepflegt für unterschiedlichste Zwecke vom Tafelobst über Saft, Most und Brand bis hin zum Backobst. Ab 1950 gab es eine Trendwende hin zum monokulturellen Plantagenanbau. Er erinnert an den „verhängnisvollen“ Beschluss des Bundesernährungsministeriums vom Oktober 1953, nach dem „für Hoch- und Halbstämme kein Platz mehr sein wird. Streuanbau, Straßenanbau und Mischkultur sind zu verwerfen.“ Die Folgen waren fatal, die Landschaft veränderte ihr Gesicht. Von den 1,5 Millionen Hektar Streuobstbeständen, die es noch 1951 in Deutschland gab, wurden 70 bis 75 Prozent gerodet. Noch bis 1974 zahlte die Europäische Gemeinschaft Rodungsprämien für jeden Obstbaum-Hochstamm, um, so Degenbeck, unliebsame Konkurrenz für die Erwerbsanbauer auszuschalten.

Neben der Ausweisung neuer Siedlungs- und Verkehrsflächen trägt der Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft zum Obstbaumsterben bei. Oma und Opa sind vielfach die Einzigen, die für die Pflege der Bäume überhaupt Zeit haben. Außerdem sind Monokulturen wesentlich rationeller zu bearbeiten, Tafelobst wird daher meist nur noch für den Eigenbedarf geerntet. Schließlich ist im Rahmen der Globalisierung über relativ billige Transportwege Obst aus aller Herren Länder in die Regale der Supermärkte und Discounter gelangt. Und auch das Versaften von Apfel und Birne – früher einmal wesentliches Standbein des Streuobstbaus – rentiert sich unter rein ökonomischen Aspekten kaum. Gegen Säfte aus Polen, der Ukraine oder gar China kann Direktsaft aus heimischer Produktion preislich einfach nicht mithalten.

Dabei geht es doch um so viel mehr als den Preis, wissen Fachleute: Es geht auch um Qualität, Geschmack, Lebensmittel aus der Region, Artenvielfalt, geringe Transportkosten, Klimaschutz. Seit Jahren kämpfen Naturschutzverbände und Streuobst-Initiativen gegen die Ignoranz der Verbraucher bezüglich des billigen Apfelsaftes an – mit nur bescheidenem Erfolg. Es mangelt vielerorts an einer konsequenten Marketingstrategie für das Streuobst.

Doch es gibt auch ermutigende Nachrichten. Nicht nur in Weidenberg haben sich Streuobstinitiativen gebildet und wurden Lehrpfade eingerichtet wie im Streuobstdorf Hausen in der Rhön oder in Tiefenthal im Landkreis Main-Spessart. Das Freilandmuseum Fladungen (Landkreis Rhön-Grabfeld) zeigt Interessenten im 1860 in Rothausen erbauten Dörrhäuschen, wie man die Zwetschgen, Äpfel und Birnen aus den üppig bestückten Streuobstwiesen des Museums haltbar macht. Bewusstsein für den Wert der Streuobstwiesen ist wichtig, und es gibt auch Erfolge, was die Wirtschaftlichkeit anbelangt. Mittlerweile stehen Geräte für das Abschütteln des Mostobstes und das Auflesen der Früchte zur Verfügung, die einen wirtschaftlichen Streuobstbau möglich machen. Durch den Anbau moderner Erntetechnik können wesentlich größere Mengen auf einmal angeliefert werden, was den Aufwand der Kelterei gegenüber sackweiser Anlieferung verringert und dem Lieferanten höhere Mostobstpreise sichert.

Der Markenpionier Bionade aus Ostheim vor der Rhön bietet seit einem Jahr „Bionade Streuobst“ an – in limitierter Auflage und ausschließlich im Biofachhandel. In Altenkunstadt (Landkreis Lichtenfels) ist ein „Saftmobil“ des Kreisverbandes für Gartenbau und Landespflege unterwegs. Und der Saft von Apfel-Grips in Weidenberg wird mittlerweile auch zu Apfel-Secco weiterverarbeitet - und neuerdings zu Hugo: mit Apfel-Secco und Holunderblüte. 



Es wächst was in Franken: Die fünfjährige Mila genießt auf einer Streuobstwiese den Frühling. Foto: Knahn